Heute übergibt die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ ihre Handlungsempfehlungen an Bundesfamilienministerin Karin Prien. Damit bekommt eine Debatte, die seit Monaten an Tempo gewinnt, zum ersten Mal eine gemeinsame, evidenzbasierte Grundlage. Ein guter Moment, um einzuordnen, wo wir stehen.

International ist die Richtung längst gesetzt. Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land weltweit Social Media für unter 16-Jährige verboten. Großbritannien und Frankreich haben konkrete Pläne, Griechenland will unter 15-Jährige ab 2027 ausschließen, weitere Länder prüfen ähnliche Modelle. Das EU-Parlament hat sich für ein Mindestalter von 16 Jahren ausgesprochen, allerdings unverbindlich. Und das australische Beispiel zeigt nach den ersten Monaten die zentrale Schwachstelle: Viele Kinder unter 16 haben weiterhin eigene Konten. Ein Verbot ist eben nur so gut wie seine Durchsetzung.

Wo steht Deutschland? Ein Blick auf die profiliertesten Stimmen.

Die Politik

SPD und Union sind sich einig, dass etwas passieren muss, aber nicht, wie. Die SPD schlägt ein Stufenmodell vor: ein vollständiges Verbot für unter 14-Jährige, für 14- bis 16-Jährige Jugendversionen ohne jene Funktionen, die süchtig machen sollen, also Push-Benachrichtigungen und intransparente Algorithmen, die das endlose Scrollen befeuern. Die Union will kein pauschales Verbot, sondern differenzierte Altersgrenzen je nach Risiko der jeweiligen App, überprüft und durchgesetzt durch eine staatliche Stelle. So unterschiedlich die Modelle sind, sie stoßen auf dieselbe ungelöste Frage, die Olaf Köller früh formuliert hat: Wenn man Verbote macht, wie stellt man sicher, dass sie eingehalten werden? Die gemeinsame Antwort heißt EUDI-Wallet, die digitale Brieftasche, die das Alter bestätigen soll. Sie soll Anfang 2027 starten, vorerst nur mit Grundfunktionen. Ob sie leisten kann, was die Politik sich von ihr verspricht, ist offen.

Die Expertenkommission

Nach Berichten schlägt die Kommission heute zwei Varianten vor. Die erste sieht eine klare Altersgrenze von 13 Jahren vor, verbunden mit einer wirksamen Altersüberprüfung. Für unter 13-Jährige bliebe nur ein eingeschränkter Zugang zu nachweislich kindgerechten, risikoarmen Angeboten, für ältere Jugendliche gestufte Schutzmechanismen. Was genau empfohlen wird, wird sich in Kürze zeigen.

Der Ethikrat

Der Deutsche Ethikrat hat sich Anfang Juni gegen ein pauschales gesetzliches Mindestalter ausgesprochen und stattdessen ein differenziertes, risikobasiertes Schutzkonzept empfohlen. Bemerkenswert ist, dass er den Blick ausdrücklich auf Künstliche Intelligenz und Chatbots weitet, die für Kinder und Jugendliche immer häufiger zur ersten Anlaufstelle werden, und eine Aktualisierung des Jugendschutzrechts fordert. Für bestimmte Inhalte wie Pornografie hält er verbindliche Altersgrenzen und endgerätbasierte Verfahren für sinnvoll.

Leopoldina und Psychotherapeut*innen

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina argumentiert in ihrem Diskussionspapier mit dem Vorsorgeprinzip: Auch wenn noch nicht jede Kausalität geklärt ist, liegen genug Hinweise auf Schäden vor, um jetzt zu handeln. Sie empfiehlt ein verbindliches Mindestalter von 13 Jahren, elterliche Zustimmung bis 15 und altersangepasste, im Funktionsumfang reduzierte Angebote bis 17. In Deutschland zeigen rund 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen ein riskantes Nutzungsverhalten, etwa 4,7 Prozent erfüllen bereits Suchtkriterien. Der 48. Deutsche Psychotherapeutentag fordert in dieselbe Richtung: verbindliche Plattformregulierung, ein altersgestuftes Zugangsmodell, das Verbot suchtfördernder Designs sowie den Ausbau von Prävention, Medienkompetenz und psychotherapeutischer Versorgung.

Founder, CEO
Future Skills

 

So weit der Stand. Jetzt meine Einordnung.

Ich bin überzeugt, dass es drei Grundsäulen braucht, und zwar zusammengedacht:

Verbot, Regulierung und Bildung.

Verbot, ja. Aber allein verschiebt es das Problem nur. Ein Altersverbot ist richtig und schützt in einer hochsensiblen Entwicklungsphase. Aber man wacht nicht mit 16 auf und kann plötzlich besser mit sozialen Medien umgehen. Und auch wir Erwachsenen können uns von Sucht, mentaler Belastung und Manipulation durch Inhalte auf Social Media nicht freisprechen. Ein Verbot, das nur das Alter verschiebt, verschiebt das Problem nach hinten.

Regulierung heißt, die Plattformen in die Verantwortung zu nehmen. Diese Produkte wurden so designt, dass sie uns binden. Variable Belohnungsintervalle, dasselbe Prinzip, das Spielautomaten süchtig macht. Endloses Scrollen ohne natürlichen Endpunkt. Das ist Dark-Pattern-Design. In unserem Buch zeichnen wir nach, wie die Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen in Deutschland seit Jahren steigen und ab 2007 spürbar nach oben gehen, dem Jahr, in dem das erste iPhone auf den Markt kam und wir „always on“ wurden. Es ist die Symbiose aus Hardware und Software, die wirkt. Ein Blick zurück hilft:

Nach 1945 wurden Rundfunk und Fernsehen in Deutschland strengen Auflagen unterworfen, es entstanden öffentlich-rechtliche Sender mit einem gemeinwohlorientierten Auftrag und einem ethischen Kodex. Genau dieser Kodex fehlt im Netz bis heute weitgehend. NetzDG und Digital Services Act sind erste Ansätze, aber sie hinken der Dynamik und der Marktmacht von Plattformen hinterher, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit und Datenmonetarisierung zielt. Ein Altersverbot ohne Plattformverantwortung greift zu kurz (vgl. C. Spahić, M. Spahić: Unlock your [aɪ]dentity, 2026).

Bildung ist die Säule, über die am wenigsten gesprochen wird. Und meist wird sie auf Medienkompetenz verengt. Das reicht nicht. Wir müssen die Kompetenzen stärken, die tragen, darunter geistige Autonomie, kritisches Denken, emotionale Intelligenz; insgesamt definieren wir sieben Future Skills (vgl. C. Spahić, M. Spahić: Unlock your [aɪ]dentity, 2026). Denn die nächste Welle rollt längst auf uns zu, und das sind große Sprachmodelle und Chatbots. Der Ethikrat hat recht, hier schon hinzuschauen. Bei Social Media kommen wir bereits spät ins Handeln. Die negativen Auswirkungen wurden nicht zuletzt bereits 2021 durch die Whistleblowerin Frances Haugen öffentlich gemacht. Mein Mann Marinko Spahić und ich sprechen seit fast zehn Jahren über diese Risiken. Genau diesen Fehler dürfen wir bei Chatbots nicht wiederholen.

Und wir sollten nicht so tun, als ginge es nur um Kinder und Jugendliche. Social-Media-Konsum macht etwas mit uns allen, der Gebrauch von KI macht etwas mit uns allen. Deshalb gehören die drei Säulen zusammen, und deshalb gehören Bildung und mentale Gesundheitsförderung zusammen, auch in Unternehmen.

In unserem kürzlich erschienenen Buch „Unlock your [aɪ]dentity“ führen wir die Themen von Social Media über Künstliche Intelligenz bis zu ihren Auswirkungen auf uns dediziert zusammen. Und wir setzen genau bei der dritten Säule an: Mit unserem Modellprojekt Schule & KI bringen wir KI-Kompetenz, Medienmündigkeit und Future Skills wie geistige Autonomie, kritisches Denken, Kreativität, emotionale Intelligenz und Resilienz erstmals systematisch in den Unterricht. Auf Grundlage der Methodik des Buches lesen, diskutieren und erproben die Jugendlichen über mehrere Monate, was KI und Social Media mit ihnen machen, und nutzen KI in einem Prompt-Labor als Denkpartner, statt sich das eigene Denken ersetzen zu lassen. Begleitende Umfragen sowie eine Studie sollen erfassen, wie sich Mediennutzung, Selbstbild und Urteilsfähigkeit verändern. Den Auftakt haben wir im Juni auf der phil.COLOGNE gemacht. Das Projekt ist von Anfang an auf Übertragbarkeit angelegt und wird wissenschaftlich begleitet, sodass andere Schulen im DACH-Raum es übernehmen können. Es ist als Blaupause gedacht, nicht als Einzelfall. Wer das unterstützen möchte, kann sich gern bei uns melden.

phil.COLOGNE © Katja Tauber

Quellen:Stellungnahme des Deutschen Ethikrates (Juni 2026); Diskussionspapier der Leopoldina „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ (2025); Beschlüsse des 48. Deutschen Psychotherapeutentages; Céleste und Marinko Spahić, Unlock your [aɪ]dentity, Ariston 2026. https://www.penguin.de/buecher/céleste-spahic-unlock-your-identity/paperback/9783424203240

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